Tut Dein alter biographischer Text auch weh?

Wer meinem Blog folgt, der weiß, dass sich zu jedem Zeitpunkt mehrere meiner Geschichten in unterschiedlichen Stadien der Fertigstellung befinden. Bei der einen Geschichte bin ich bei der Ideensammlung, während ich an einer anderen schreibe, und eine dritte in der Korrektur liegt.

Einige Texte habe ich aber auch seit über einem Jahrzehnt unbearbeitet in der Schublade (= Computerspeicher) liegen. Unter anderem gehören dazu auch meine Reiseberichte.

Einen dieser persönlichen Tagebücher wollte ich

Copyright dieses Bildes: Lifetimedaily.com

 

vor wenigen Monaten aufarbeiten. Zum Erstellungs-Zeitpunkt gab es von den wenigen Lesern einigermaßen gutes Feedback, und so dachte ich im Jahre 2018, dass es sich bloß um einen kurzen Korrekturlauf handeln würde.

 

Mit meiner Einschätzung lag ich schmerzhaft daneben.

 

Der betreffende Text stammt aus dem Jahr 2003 und zeichnet meine Mittelamerika-Reise nach. Es ging damals von Mexico (Yucatan) nach Belize und schließlich Guatemala. Bis heute eine meiner schönsten Reisen. Leider handelt es sich nicht um eine meiner besten Beschreibungen. Wobei: Es ist weniger die Beschreibung, die mich stört, sondern vielmehr der Tonfall. Es war die dritte Interkontinentalreise in meinem Leben, und der Hauptdarsteller der Geschichte war unerträglich allwissend in seinen Beschreibungen. Ich muss damals 25 gewesen sein. Eigentlich ein Alter, in dem man eine gewisse ausgewogene Sicht erwarten könnte. Leider musste ich nun, gute 15 Jahre später, feststellen, dass ich mich anscheinend für schlauer und Welt-erfahrener hielt, als gedacht. Auch die Schreibweise an sich war weit davon entfernt, für mein heutiges Ich tragbar zu sein.

Warum erzähle ich das hier? Aus dem einfachen Grund, weil mir damit erneut vor Augen geführt wurde, dass es eine kontinuierliche Weiterentwicklung einer jeden Person gibt. In der Erfahrung, der Weltansicht, und sicherlich auch den Fähigkeiten.

In einem meiner letzten Blog-Beiträge habe ich erwähnt, dass es schwierig ist, ältere Texte nicht immer wieder zu überarbeiten. Im heutigen Artikel möchte ich dagegen eher eine Lanze dafür brechen,

Copyright Bild: www.megalawlz.com und Disney/Pixar

genau dieses zu tun. Denn so wie dieser Text war, möchte ich eigentlich nicht, dass jemand ihn liest. Das wäre mir tatsächlich peinlich. Bei der nun erforderlichen Korrektur ist die Herausforderung allerdings, nicht die Sichtweise von damals zu ändern, sondern vielmehr die Sprache anzupassen. Es soll keine Verfälschung meiner Weltsicht um die Jahrtausendwende stattfinden, aber zumindest die Besserwisserei beziehungsweise die damalige Tendenz zur Verallgemeinerung in der Wortwahl abgemildert werden.

 

An der Stelle stellt sich die Frage, was das Ziel des Textes heute ist. Möchte ich die Reise an sich in den Vordergrund rücken, oder geht es um eine Bestandsaufnahme zu meinem "Ich" zum damaligen Zeitpunkt?

Bei der ersten Interpretation kann ich weitaus radikaler vorgehen, und mich auf die Geschehnisse konzentrieren. Damalige Gedanken und Reaktionen kann ich auslassen oder sogar anpassen, so lange sie die Reise an sich nicht beeinflussen.

Die zweite Interpretation dagegen, verlangt einen sehr viel weniger invasiven Ansatz. Eine Anpassung des Vokabulars, eine Abmilderung absolutistischer Aussagen, erlaube ich mir. Aber meine grundsätzlichen damaligen Gedanken und Aktionen bleiben erhalten. Damit sollte ich meinem "Ich" von damals hoffentlich kein Unrecht tun.

 

Ob mir dies gelingen wird, bleibt abzuwarten. Demnächst mehr zum Fortschritt.

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